Arbeit am Epochenwechsel

Isaac van Deelen

Quote of the day

20-10-2021

Record: 70 percent invalid, in the referendum in a Neukölln elementary school. A turnout of 150 percent was reported from Reinickendorf. Old people went home resigned because they could no longer stand in line for so long; young people, on the other hand, were allowed to vote for the Bundestag in unknown numbers. This sometimes surprised them themselves.

To my recollection, there has never been anything comparable in Germany, only in states with which Germany does not like to be compared and which it often criticizes. 

(Das deutsche Zitat fällt unter das Leistungsschutzrecht.)
Ceterum censeo LSR esse delendam.

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HARALD  MARTENSTEIN

5 Punkte zugelegt – Bravo!

27-09-2021

Wählerpotential halbiert: Schnell ist alles vergessen.

 

„Die kommende Wahl ist historisch“ – das war meine Überzeugung vor einem Monat. Herausgekommen ist ein historischer Katzenjammer, der jetzt von Berufenen und Plappernden schön geredet wird. Neuerlich zeigt die Medien-Demokratie ihre Fratze: WAS haben wir eigentlich gewählt?

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Zu behaupten, dass das Koalitionsgezacker, das jetzt zur Verhandlung ansteht, der Entscheidung des Wählers folgt, spricht dem Wahlakt selbst Hohn.

  • Eine Regierung ins Amt zu heben, deren Spitzenkandidat 75% der Wähler nicht überzeugen konnte, zerrüttet das ohnehin schwächelnde Vertrauen in ein System, das schon lange seine Unfähigkeit ausweist, auf die wirklichen Probleme angemessen zu reagieren.
  • Mit -9 Prozent Ansprüche auf das Kanzleramt zu erheben, erscheint als die verzweifelte, geradezu trumpeske Notwehrreaktion eines Kandidaten, dessen politisches Schicksal andernfalls besiegelt ist.
  • Mit +5 Prozent die Wahl zu gewinnen, aber die eigene Kanzlerschaft im Tête-à-Tête der kleineren Partner verhandelt zu sehen, verkehrt das Wählen selbst in sein Gegenteil.
  • In den jetzt anstehenden Scharmützeln wird überdies unter den Teppich gekehrt, dass es eine Wahl gegeben hat, die das Wahlvolk tatsächlich hätte treffen wollen:
    Markus Söder versus Robert Habeck.

Wer ist schuld?

Annalena Baerbock ist es gelungen, die ausserordentliche und überzeugende Aufbauarbeit, die sie zusammen mit Robert Habeck über drei Jahre erfolgreich geleistet hat, in wenig mehr als einem Monat nahezu vollständig einzureissen – nachdem sie „die Frauenkarte gezogen hatte“. Dass die Grünen jetzt mit 14,8 Prozent immer noch besser dastehen, als bei der Wahl 2017, haben sie der Dringlichkeit des geschichtlichen Augenblickes zu verdanken, nicht aber der Kandidatin Annalena Baerbock: auf ihr Konto geht, dass sie das zwischenzeitlich auf 28, gar 30% hochgeschossene Wählerpotential sauber halbiert hat.

An diesem Fiasko, für das wir als Land und sogar als Menschheit in Haftung genommen werden, ist nicht sie allein Schuld.

I.
Annalena Baerbocks Fehler sind hinreichend seziert worden; auch gehen sie „nur ursächlich“ zu ihren Lasten. Mit dieser seltsamen Formulierung drücke ich aus, dass es der soliden Medienarbeit zuzuschreiben ist, dass die – jeweils für sich genommen – Petitessen eine verschwörungs-ähnliche, vorsätzliche, tatsächlich dem Herdentrieb geschuldete Zerstörung der Kandidatin bewirkten. Nichts an diesen Fehlern war genuin politisch, und gemessen an den tatsächlich politischen und überdies sehr teuren Fehlern etwa eines Andy Scheuer, waren es geradezu Marginalien.

II.
Anfang Juli, als zu erkennen war, dass Annalena Baerbock als Kandidatin de facto „verbrannt“ war, war noch Zeit; die Grünen hätten reagieren und Robert Habeck einwechseln können. Na klar: hätte, hätte, Fahrradkette, aber nicht die sinnlose Rückschau auf verpasste Reaktionen ist hier der Punkt, sondern die Frage, welche Kräfte dieses Verpassen bewirkt haben. Es war ja nicht Schockstarre oder Reaktionsschwäche, es war eine strategische Entscheidung, und Robert Habeck hätte sie – mit Blick auf das grüne Selbstverständnis, dazu komme ich noch – nicht ändern können. Dass die Grünen hier eine krasse Fehlentscheidung getroffen haben, war auf offener Bühne zu bestaunen:

Weltrettung zufällig entdeckt?

18-10-2021

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

 

Die Frage nach dem Narrativ hat ihre besten Tage hinter sich. Nachdem es vor Jahren in Mode geriet, hatte es sich wie eine Mischung aus Schleimspur und rotem Faden durch die Feuilletons gezogen: nirgendwo fehlte es nicht. Fragst Du Google, fehlt es der EU, der Schweiz, der SPD. Der Deutschlandfunk dagegen versendet einen Kommentar von Christian Schüle, der das Gerede für Unsinn hält: „Wer Stories will, soll Krimis lesen!“

Ja, was denn nun!

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Bevor wir ins Detail gehen, will ich erst einmal das Überflüssige vom Tisch wischen: Jene abertausende von Narrativen, die nicht das ökologisch-wünschenswerte und ökonomisch-tragfähige Gesellschaftsmodell (ÖÖG) beschreiben (wollen), sind nur eitles Girlandenwerk von irgendwelchen Zeilenschindern. Das geht mich nichts an, davon rede ich nicht. Mir geht’s um’s Ganze, und eben da fehlt’s, schon lange!

Eine Lücke voller Wollmäuse

In meiner Jugend galt der Sozialismus als die grosse Erzählung: nicht der im Ostblock praktizierte Staatsnotstand, aber doch die Sache mit dem Volk und dem Nadelöhr, den Produktionsmitteln und der Gerechtigkeit. Dann aber, mit dem Ostblock, gingen auch all die dialektisch mühsam ausgeklügelten, alternativen Alternativen den Bach hinunter. Nebst dem intellektuellen Überbau, der auf dem linken Ticket sein Leben bestritt; transzendierte nach Goa oder gleich ins Nirvana. Francis Fukuyama verkündete den historischen Sieg der liberalen, demokratischen Marktwirtschaft; Moore und Metcalfe kannte er nicht.

Auf ihren mächtigen Schwingen war – ungefähr zeitgleich – im Silicon Valley ein vielleicht zeitgemässerer Entwurf entstanden: eine neue Ökonomie, für die sich blauäugige Hippies und Anarchos-auf-Probe mit dem Neo-Liberalismus verbündet hatten. Auch sie glaubten, anfangs, sie würden die Welt verbessern, Friede, Freundschaft, Freiheit und Wissen für alle. Fünf Minuten später, kaum waren sie 30, ging es nur noch darum, sich die Welt unter den Nagel zu reissen. „Die Daten liegen im Netz, nimm Du sie, bevor es ein anderer tut.“ Alsbald balgten sie sich nur noch um die Titelblätter des Time Magazine und die Spitzenplätze auf den Fortune-Listen. Als New Economy war die Geschichte schon 2001 gescheitert, mit den Jahren ist auch der Gartner Hype Cycle an sein Ende gekommen: das Valley döst hinab in den Sonnenuntergang. Dass die FAZ in Peter Thiel den Prototypen dieser business-smarten Libertären mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ehrte, ist ein besonders kantiger, logischer Schlusspunkt.

Inzwischen war den Fanfaren Fukuyamas die Luft aus gegangen, und 2001 und gleich nochmal 2008 schlugen sie sich gar das Blech blutig. So kam die Stunde für ein paar Unentwegte, darunter Žižek, Fraser, de Lagasnerie, Kunkel. Sie rochen oder (t)witterten eine Chance und wollten den Sozialismus wiederbeleben – kritisch erneuert oder in irgendeiner Umverpackung, etwa als „transformativer Realismus“. Es will nicht recht gelingen. Mal fehlt die Klasse, mal das Bewusstsein, kein Wunder! Die Restarbeiterschaft ist inzwischen „vom Fach“ und versteht sich, VW, Daimler und BMW sei Dank, als Mittelschicht. Dagegen haben sich die prekären Identitäten der Gegenwart soweit in ihr jeweiliges Abseits verstiegen, dass mit ihnen kein Staat zu machen ist.

Der Vollständigkeit halber müsste ich jetzt noch rasch die StaMoKap-Diktatur Chinas abfertigen, und räume ich auch ein: um all die verflossenen Versuche seriös zu beerdigen, müsste ich ein paar mehr Details beleuchten, but c’mon: das wäre im günstigsten Fall rückwärts gewandt. Ich kürze das ab: die alten Weltmodelle scheitern, weil sie alle die unendliche Quadratur eines endlichen Kreises behaupten.

Winds of Change im

Jammerland

Nach der Wahl ist vor der Tat

 
12-09-2021
9044

Der Westen geht unter, und wir in ertrinken Mutlosigkeit und Selbstmitleid. Die Jahre des Klagens, Bedauerns und Zweifelns haben uns wenigstens eine klare und strahlende Gewissheit hinterlassen:
Die Lage ist scheisse.

Gut. Das wissen wir jetzt.

Mikado

Wechselfälle

Besser später als nie

 
02-09-2021
1881

Es ist bezeichnend für den Zustand des parteilichen Systems, reflektiert aber doch auch nur den Zustand unseres kollektiven Bewusstseins, dass sowohl die Union wie auch die Grünen nicht willens und nicht in der Lage sind, ihre offenbaren Fehlbesetzungen zu revidieren.

Ich bedaure, es sagen zu müssen:

Annalena Baerbock ist verbrannt

Eine maximale Reaktion tut not

 
30-06-2021
6184

Die Jagdgesellschaft hat sie zur Strecke gebracht. Sie mag sich aufbäumen, sich gegen den auf sie fokussierten kollektiven medialen Vernichtungswillen wehren.
Es wird nichts nützen.

11-06-2021
4721

The Apple Nation

 
02-06-2021
7069

Ich sass am Frühstückstisch und las

 
22-05-2021
16578

Noch 126 Tage bis zur Wahl

 
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11-05-2021
9962

Noch 137 Tage bis zur Wahl

 
01-04-2021
9832

Sonntagsfragerei

 
19-03-2021
11494

Gretchen fragt

 
25-02-2021
14741

Über Klarheit

 
30-01-2021
9437

Das Recht

 
07-01-2021
1468

Burning Down the House

 
27-12-2020
15794

Corona as a Metaphor

 
11-12-2020
16759

Corona als Metapher

 
16-11-2020
7543

Heribert Prantl kämpft

 
06-11-2020
1575

Genfer Konvention

 
05-11-2020
8143

They have stolen my votes!

 
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03-11-2020
8947

Lektüre für das Wartezimmer

 
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Die Ursachen der Krise

Die Drei von der Baustelle

Die Kandidat:innen sind Zeichen der Zeit

 
19-08-2021
51936

Kommentatoren und Wahlvolk sind sich einig: die Kandidaten überzeugen nicht, mobilisieren nicht, motivieren nicht. Armin L. ist schlicht der falsche, Annalena B. macht schlicht zu viele Fehler und Olaf S. hat schlicht die falsche Partei – so die Lage am Freitag, dem 13.. Aber würden "bessere" Kandidat:innen die Probleme lösen?

Das Wirtschaftsforum der SPD schreibt

Made in Germany – not in Europe

eine Transformationsstrategie

 
18-06-2021
39133

Nachdem die Völker endlich die Signale gehört hatten, beeilten sich die Parteien, von der grossen Transformation zu reden. Mehr … war noch nicht, aber immerhin. Unter dem Titel „Made in Germany 2030“ hat das Wirtschaftsforum der SPD ein 47 Seiten-Papier vorgelegt, dass in 9 Abschnitten die Transformations- und Industriestrategie der Partei umreisst. Eine kritische Besichtigung.

Juli Zeh schreibt Über Menschen

Unter den Worten – das Land

Ein Kammerspiel

 
25-04-2021
4990

In den Wohngemeinschaften meiner Jugend- und Studentenzeit habe ich gelernt, dass ich – und ich glaube tatsächlich: dass man – mit jedem Menschen zusammenleben kann, sagen wir: ungefähr mit jedem und … schrittweise, es klappt nicht immer auf Anhieb. Auch psychisch krankhaft veranlagte Menschen meine ich nicht, aber ein durchaus breites Spektrum charakterlicher Originalitäten.

Durch's wilde Populistan

Anmerkungen zum Frontverlauf

 
13-04-2021
21108
Soziale oder

asoziale Medien

 
20-01-2021
24383
Die Regierung Röttgen tritt an

Isch seh schwazz!

 
01-01-2021
17206
Richard David Precht schreibt "KI und…

Im Trippelschritt dem Abgrund zu

 
24-10-2020
36973
Sascha Lobo geisselt die Putinfreunde

Nun sag, wie hast du's mit der Religion?

 
27-09-2020
33167
Richtig gut oder schlecht falsch

Ein Essay – attacca

 
21-09-2020
24857
Eine Verlorene Liebe

Suits – und die Folgen

 
25-08-2020
21238
Richtig gut oder schlecht falsch

Ein Essay – ritenuto

 
01-08-2020
35788
Verstörende Zerstörung

Von Trump lernen heisst … was?

 
28-07-2020
24806
Sebastian Haffner schrieb: "Geschichte…

Nicht mehr dran glauben können

 
10-07-2020
18581
Maja Göpel schreibt »Unsere Welt neu…

Nach der Behauptung. Vor dem Entwurf

 
21-05-2020
23878
psssst

Klappe halten!

 
28-03-2020
20338
Dietmar Dath schrieb „Maschinenwinter“

Vorwärts, Genossen, es geht zurück!

 
27-01-2020
31890
Dietmar Dath schreibt Neptunation

Relativ zeitliches kosmisches Gerangel

 
19-01-2020
383
Ed Snowdon schreibt „Permanent Record“

Becoming a hero

 
03-10-2019
8674

Der Teil 1 – der es sich zum Ziel gesetzt hat, die grossen Risiken unserer Zeit zu diagnostizieren, erschien zum denkbar günstigsten Zeitpunkt: am 28-02-2020. Vom Risiko einer Pandemie war nicht die Rede. Tja. Ehrlich gesagt: die Wenigsten hatten das auf dem Radar. Und an den Risiken: Finanzindustrie, Digitalisierung, Klimawandel und Migration – hat sich ja nicht viel geändert.

Das Buch steht zum Download bereit

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Kapitel 1 Ökonomie
Kapitel 2 Digitalisierung
Kapitel 3 Ökologie
Kapitel 4 Migration
Kapitel 5 Nuklear, Corona et all.