Odysseus ist in aller Munde.
Insbesondere die internationale Presse überschlägt sich mit Erklärungen, Deutungen und Bewertungen, bis hin zur ausgiebigen Beschreibung der Technik des Bogenspannens. Der Aufruhr, den der Film – das Attribut: „marketingseitig“ steht hier vorsorglich – erzeugt hat, ist ausserordentlich.
Der Listenreiche Odysseus
Das Kino bebt
Wer kam zurück ?
Was will uns der Regisseur damit sagen?
Der Lärm des Films beschränkt sich nicht auf das Getöse im Blätterwald, auch im Kino selbst wackeln die Wände und verhindern so, dass das Publikum – über der Länge des Vortrags (offiziell werden 172 oder 173 Minuten angegeben) – versehentlich einschläft (wenige stillere Passagen werden mit gewaltigem Knall, Peng, Bumm und Paukenschlägen beendet).
Was die Handlung angeht, so hatte dereinst Homer dazu das Wesentliche gesagt; Christopher Nolan „gelingt“ es immerhin, dieser wabernden Erzählung noch einen Zuckerguss aus allegorischer Zivilisationsmystik und metaphorischen Sinngebungsgehubes überzugiessen.
In den erzählerisch unergiebigen, Action-satten Szenen/Modulen
- der Zyklop
- Circe
- die Riesen
- Skylla und Charybdis
bleibt Nolan nahe der Vorlage und veranstaltet überflüssigen Kinderklamauk, mit mässig überzeugenden special effects. Gemeinhin wurde das „bildgewaltig“ genannt, ich fand es albern.
Regelrecht kritisch stehe ich den Szenen/Modulen
- „die Sirenen“ und
- „Kalypso"
gegenüber. Mit nur etwas gutem Willen und – sagen wir – Arvo Pärth als Vorbild, hätte man aus den Sirenen wirklich etwas machen können, was dem Publikum auch über den Film hinaus in den Ohren geblieben wäre; so aber sehen wir nur einen vor akustischer Verstörung jaulenden Matt Damon und ein (irgendwie auch noch verrauschter) Ligeti-Verschnitt als Soundtrack – eine vergebene Chance. Das Modul Kalypso – umgekehrt – hätte Gelegenheit gegeben, die atavistische Motivlage des Odysseus glaubwürdiger auszugestalten (f+f; Charlize Theron hätte das Ihre vermutlich überzeugend ver//körpert). So aber dumpft Herr Damon in Gedächtniszerfurchung umher und Frau Theron verlegt sich auf Kulleraugen. Vom Libretto gnädig zu schweigen! Im lächerlichen Gegenteil sogar macht Odysseus der Kalypso Vorhaltungen darüber, in s-i-e-h-i-i-e-e-b-e-n Jahre lang im Zustand der Amnesie (einer paradiesischen, möchte man ergänzen) belassen zu haben.
Äusserungen von Kritikern, die angaben, das Kino anders verlassen zu haben, als sie es betreten haben, kann ich mir nur mit mangelnder cineastischer Erfahrung erklären.
Um dem Film einen „tieferen“ Sinn anzudichten, eine metaphorische Botschaft unterzujubeln, müsste man einige Anstrengungen unternehmen und dem Geschehen Deutungsbrücken in die Gegenwart schlagen.
Hier einige Vorschläge:
https://www.lrb.co.uk/the-paper/v48/n14/emily-wilson/an-uncomplicated-m…
https://kottke.org/26/07/0049396-an-uncomplicated-man
https://samkriss.substack.com/p/you-have-to-believe-in-the-gods
https://www.bloodinthemachine.com/p/the-odyssey-as-tech-criticism
https://www.nytimes.com/2026/08/01/opinion/the-odyssey-culture-war.html
Unter anderen
versucht Ezra Klein genau das. Ich schätze ihn sehr und halte ihn für einen der intelligentesten Kommentatoren des US-Zeitgeschehens; hier kann ich ihm nicht folgen. Klein will begeistert sein, mindestens ist er beeindruckt. Wovon genau, wird nicht deutlich. Er stellt den Trickster ins Zentrum seiner Überlegungen, und ich kann nur schwer dechiffrieren, was genau er damit sagen will. Der Trickster ist eine kaum übersetzbare Chrakterfigur, die zwischen Betrüger, Brandstifter und Rattenfänger changiert, Klein bemüht Mythologien (Loki, Coyote, Rabe, Hermes …). Er mutmasst Schumpeters schöpferische Zerstörung, die aber auch in die Apokalypse umschlagen kann. Irgendwie verweist er auf die zentralen „Trickster” Trump und Musk, deren Korruption und Machtanmassung ich mit der Figur des Tricksters nicht, kaum in Verbindung zu bringen vermag. Vielleicht wabert ein Hauch „Kapitalismuskritik” mit, wenn Klein behauptet, der Trickster würde das Unsagbare sagen, das Tabu brechen, die illegitime Tat begehen. Aber.
Was, frage ich mich, hat das mit Odysseus zu tun? Er zerstört Troja, ja, als Krieger, General, König, aber weder hat er was davon, noch geht Ithaka davon unter und schliesslich wächst nichts Neues aus den Ruinen!? Weder „leidet” Ithaka am Untergang Trojas noch an den Kriegsverbrechen des Odysseus, sondern an dem Machtvakuum in dessen Abwesenheit. Klein veranstaltet ein pathetisches Tamtam, um den Beginn einer Neuen Zeit zu fordern. Den Telemachos des Film jedenfalls, einen Fifi, einem Söhnchen in Identitätskrise, kann er für den Neuanfang schwerlich in Anspruch nehmen. Überhaupt: für Klein ist der Film lediglich ein Vorwand für einen jüdisch-christlichen, US-amerikanischen Sermon.
Irgendwas aber will uns der Regisseur damit sagen. Oder nicht? Nehmen wir an, der Film handelt, wie es (zumindest in der deutschen Fassung) zweimal angedeutet wird, von unserer gegenwärtigen Zivilisation und den Bedrohungen, denen sie ausgesetzt ist.
Dann wäre der Kampf Ithakas gegen Troja vielleicht/ungefähr ~der kalte Krieg des Westens gegen den Osten, das Pferd wäre der Konsum, den die Trojaner in die Stadt lassen, und der sie von innen besiegt. Damit diese Metaphorik funktioniert, müssten wir Odysseus, den „König von Ithaka“ irgendwie mit den Chicago Boys, Ronald Reagan und Francis Fukuyama in Verbindung bringen; historisch/politisch und auch interpretatorisch ein riskantes, unabgesichertes Manöver.
Zwar hätte der Westen gesiegt, aber der König wäre – aus Sicht des Westens – fortan verschollen. (Und wer wäre dann Penelope? Und was! wäre „das Verschollene”, auf das Penelope so herzerwärmend ausdauernd zuwartet?) Vielleicht schlagen wir zunächst einen Haken rüber zu den Freiern. Dass die die gegenwärtige TechBro-Brut, die Maga- und Putin- und was-wir-noch-an-Parasiten-finden-Mischpoke verkörpern, die in den 20 Jahren der Abwesenheit des Odysseus die Reichtümer Ithakas nahezu verfrühstückt haben und die es, zur Rettung des Landes und der Zukunft, nunmehr in einem Gewalt/igen Massaker abzuschlachten gilt, damit der junge König den Thron besteigen kann … also, der Part, dieser Mosaikstein der Metapher, könnte – mit Mühe – funktionieren; bis auf den jungen König. Denn den zeichnet mal grade gar nichts in-die-Zukunft-weisendes aus, wenn uns sein Alter nicht genügt; jedenfalls ist sein in Ängstlichkeiten zappelnder Beitrag im Kampf gegen die Freier überschaubar (der Film reicht notdürftig die Erklärung nach, als künftiger König dürfe sich nicht schuldig machen am Mord der Freier) und auch auf der Textebene kommt nur wenig mehr als „Papa … !“.
Wenn aber Odysseus Reagan war, wäre, mit Friedman und Fukuyama im Gepäck, (und Penelope Maggy Thatcher?), wer, auch das ist völlig ungeklärt, ist dann der zurückgekehrte Odysseus? Reagan ist tot! Also Robert Habeck? Kennt der Herr Nolan den Herrn Habeck überhaupt? Immerhin hätten wir in dieser Deutung ab September eine Besetzung für Penelope. … Witzigkeit kennt keine Grenzen.
Neee, komm!
Mir fällt einfach keine ordentliche Übersetzung ein.
Und weil das alles dann doch nicht funktioniert, und das Zivilisationsgeraune ein Brückenkopf ohne Ufer bleibt, sind wir zurückgeworfen auf die einfachste aller Erklärungen: In Hollywood geht es um’s Geld verdienen. Und damit das funzt, muss man eine gewaltige Welle veranstalten, sonst denken ja alle, es ginge nur um’s Geld verdienen.